Wie ein kleines Geheimnis, eine rechtsfreie Zone, in der die Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen und einfach sein dürfen. Das sind die Tage nach Weihnachten und vor Silvester. Gelegenheit zurückzuschauen, was es brachte, das fast Vergangene, 2020. Und wie es weitergehen kann, 2021.

Eigentlich würde ich gern sauer sein. Ich möchte mich beschweren, dass ich mich eingeschränkt fühle. Ich möchte monieren, dass ich vieles nicht machen konnte, was ich wollte. Dass ich mich bevormundet fühle, von den Umständen anlässlich des Virus. Aber ich muss einsehen dass es gut war für mich, dieses Jahr und diese Zeit. Dass sich die Gedanken noch einmal anders entfalten konnten.

Ich führe ja ein recht ruhiges Leben, schon länger. Doch die Geschäftigkeit der Anderen, macht mich oft nervös. Ich möchte auch geschäftig wirken, Teil dieser rastlosen Menschenmenge sein und mische mich dazu. Man könnte es auch Zerstreuung nennen. Berlin bietet viele Möglichkeiten, sich abzulenken, eigentlich – auf den Straßen, in den Clubs und Kneipen. Das hat aufgehört. Alles ist zur Ruhe gekommen, alle mussten zur Ruhe kommen. Und so war ich mehr denn je auf mich zurückgeworfen. Ich musste mich ansehen und annehmen. Ich hatte keine Wahl.

Ich bin weiter gekommen auf meinem Weg, der immer mehr ein stimmiges Ganzes mit der Überschrift „Musik“ ist. Ich habe die Goldene Stimme erfunden. Das Projekt hatte ich schon länger angeleiert, aber – warum auch immer – kamen nach dem ersten Lockdown vermehrt Menschen auf mich zu, die ich nun auf dem Weg zu ihrer authentischen Gesangsstimme begleiten darf. Das macht mir richtig Freude und ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu geben. Dadurch habe ich endlich den Mut gefunden, meinem in die Jahre gekommenen Nebenjob „Adieu“ zu sagen.

Ich habe mein neues Album „Wellblechreiten“ veröffentlicht. Auch ohne den momentanen Möglichkeiten einer Release-Tour war mir das ein Anliegen. Und ich bekomme tolles, befürwortendes Feedback für meine Musik. So habe ich beschlossen, mich nur noch von den wohlwollenden Stimmen leiten zu lassen und Zweifler und Besserwisser auszubremsen oder auszublenden. Es fühlt sich das erste Mal so an, dass ich in die Kleider passe, die ich mir vor 8 Jahren bereit gelegt habe, als ich mich aufmachte, auf den Weg des Herzens zur Musik.

Auch privat bin ich mehr zur Ruhe gekommen. Da höre ich ebenso auf die Wohlwollenden, auf die, die mich stärken und für mich da sind. Weglassen, was nicht gut tut, ist gar nicht so schwer.

Allgemeinhin würde ich sagen, in diesem Jahr wurde uns vor allem unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Das hat Ängste geschürt und eine große Verunsicherung ausgelöst. Dabei ist Verunsicherung erstmal nichts schlechtes. Wenn an dem Sockel gerüttelt wird, auf dem wir stehen, können wir ja mal schauen, warum der Sockel lose oder porös geworden ist. Ich hoffe, wir nehmen uns dafür Zeit im nächsten Jahr: weiter unseren Sockel, die Grundfesten unserer Existenz, zu prüfen, zu reparieren und zu festigen, vielleicht sogar neu zu entwerfen. Neben all der Lebendigkeit, des Miteinanders, Singens und Lachens, die sich 2021 hoffentlich wieder ihren Weg bahnen werden in unseren Alltag.

In diesem Sinne – Tschüss 2020, Willkommen 2021