Lieber Friedrich
Wenn der Topf aber nun ein Loch hat
In meinem Bad gibt es einen Wasserschaden, schon länger. Eigentlich seit schätzungsweise zwei Jahren, ich weiß es nicht mehr so genau, wann es mir zuerst aufgefallen ist. Es betrifft einen kleinen Bereich an der Decke über dem Fenster, geht also von der Nachbarwohnung über mir aus. Darüber hatte ich schon den Hausmeister informiert, also vor längerer Zeit. Der hat den Schaden aufgenommen und an die Hausverwaltung weitergeleitet. Daraufhin ist nichts passiert. Ich hatte auch schon ein, zwei Mal in den letzten Jahren der Hausverwaltung geschrieben und darum gebeten, dass dieser Schaden behoben wird. Keine Reaktion.
Der Fleck war recht unscheinbar, inzwischen hat er sich Schwarz gefärbt und ein bisschen wölbt sich nun die Decke an dieser Stelle. Vor zwei Monaten habe ich gesehen, dass wieder neues Wasser in kleinen Rinnsalen die Wand herunter läuft. Daraufhin habe ich wieder den Hausmeister, einen neuen – der andere ist inzwischen berentet – informiert. Der kam, machte Fotos, war ganz in Aufruhr, dass da bald was passieren müsse, und ich solle ihn anrufen, wenn sich niemand bei mir meldet. Er muss es der Hausverwaltung melden und die kümmert sich dann. Dann ist wieder nichts passiert. Wie vorgeschlagen, habe ich den Hausmeister angerufen und informiert, dass bisher nichts passiert ist. Er fragte, warum ich ihn anrufe, der Schaden sei ja bereits gemeldet. Ich habe ihn erinnert, dass er mir sagte, ich solle ihn anrufen, wenn nichts passiert. Er sagte, er würde der Hausverwaltung Bescheid geben.
In der Vorahnung, dass wieder nichts passieren wird, habe ich der Hausverwaltung geschrieben und sie nochmals auf den Schaden hingewiesen. Der Mitarbeiter der Hausverwaltung hat mir geantwortet, dass ich mich für die Schadenserfassung beim Hausmeister melden soll. Die Hausverwaltung weist auch in ihrer automatischen Antwort darauf hin, dass alle Schäden, dem Hausmeister gemeldet werden sollen.
Ich habe geantwortet, dass ich bereits mehrfach auf den Schaden hingewiesen hätte, und ihnen das Anliegen bereits vorliegen müsste.
Eigentlich war ich sehr wütend über diese Antwort, habe allerdings in der Vergangenheit feststellen müssen, dass meine Empörung bzgl. Angelegenheiten, die ich (zurecht) einfordere zu keinem sinnvollen Ergebnis kommen, sondern die andere Seite plötzlich wütend wird oder denkt, ihre Wut rauslassen zu können, obwohl ich doch die Geschädigte bin (und das betrifft nicht nur meine Hausverwaltung.) Ich habe also meinen Ärger für mich behalten, und habe weiter geschrieben, dass dieser Vorfall bereits mehrfach dem Hausmeister gemeldet wurde, außerdem die Hausverwaltung von mir bereits Kenntnis darüber hätte.
Ich bin auch im Mieterverein, und hatte mir schon länger vorgenommen, mich dort zu melden. Das ist aber auch ein Aufwand, weil man zur Terminvergabe telefonisch kaum durchkommt, mein Online-Zugang nicht funktioniert und ich den erst telefonisch freischalten muss. Kürzlich ist mir eingefallen, dass ich dort im Büro vorstellig werden könnte, für einen Termin… Jedenfalls habe ich weiter geschrieben, also, der Hausverwaltung, wenn sie nicht zeitnah reagieren und sich darum kümmern würde, ich mich rechtlich beraten lassen würde, und mit weiteren Schritten auf sie zukäme.
Daraufhin antwortete die Hausverwaltung, dass ich erstmal kennzeichnen sollte, welche Wohneinheit ich hätte, und welche Wohneinheit der Nachbarwohnung gelten würde, sonst könnten sie das nicht bearbeiten. Das hätten sie nun rausgesucht und würden eine Firma beauftragen, die sich den Schaden anschauen wird.
Wieder ist wochenlang nichts passiert. Ich schrieb dann der Hausverwaltung, wann sich eine Firma für die Schadenssichtung melden würde und dass sie sich mit einem Termin bei mir melden sollten.
Daraufhin hat sich eine Firma bei mir gemeldet, das war in der Woche, in der ich mal zufällig nicht in Berlin war. Also, habe ich einen Termin für letzten Freitag vereinbart.
Dass die Firma den Termin verpeilt hat und ich nochmal anrufen musste, wann sie denn kämen, möchte ich hier gar nicht in den Vordergrund stellen, aber ich möchte es erwähnen. Außerdem möchte ich erwähnen, dass meine Nachbarin die Wohnung schon lang untervermietet und ich letztendlich den Termin auch für die Nachbarin vereinbart habe, die ja nicht direkt vom Schaden betroffen ist, so wie ich. Aber ich wollte es voranbringen und ohne, dass sich jemand die Ursache anschaut, bringt auch eine Reparatur bei mir nichts, längerfristig.
Wenn ihr bis hier her gelesen habt, dann herzlichen Glückwunsch! Wir nähern uns der Pointe.
Jedenfalls kommt der Handwerker mit anderthalb Stunden Verspätung und schaut sich erstmal den Schaden oben bei meiner Nachbarin an. Es ist ein unsanierter Altbau, in dem ich lebe, wirklich schon sehr hinfällig. Aber bisher kann ich noch gut darin wohnen, vor allem im Sommer ist es schön und gemütlich und es ist mein Zuhause seit vielen Jahren. In den vergangenen Jahren wurde immer mal wieder hier und da etwas verbessert, nachgerüstet, aber das war alles vor meiner Zeit.
Das Bad ist ein Schlauch, die Dusche wurde irgendwann eingebaut, Duschwanne, ein paar Fliesen darüber, um die Nasszelle vom Rest des Raumes abzugrenzen. Jedenfalls greift der Handwerker unter der Duschwanne rum und prüft die Rohre. Alles in Ordnung, also, alles trocken, konstatiert er. Da gibt es keine undichte Stelle. Ok, denke ich, und weiß ja, dass da dieser schimmelige Wasserfleck ist. Ah, doch, etwas weiter vorn, aber nicht am Fenster, da könnte ein kleines Leck sein, aber warum ich dann hinten am Fenster einen Schaden hätte, versteht er nicht. Ich denke mir, ok, kann ja auch sein, dass es da abschüssig ist. Aber ich sage nichts.
Dann kommt er runter und fotografiert meinen Schaden nochmal. Der Hausverwaltung hatte ich schon diverse Aufnahmen geschickt. Dass es vielleicht oben abschüssig sein könnte und so das Wasser runter läuft, sagt er schließlich. Und dass man eigentlich ja oben bei meiner Nachbarin alles mal rausnehmen und genau schauen müsste. Aber es sei ja ein Altbau.
Ja, aber ich wohne ja hier, sage ich. Ich wohne jetzt hier, sage ich.
Er sagt, er wird der Hausverwaltung ein Angebot machen und wünscht mir alles Gute.
Heute, als ich wieder neue Nachrichten über Waldbrände und Dürre (und diverse weitere Unwetter-Ankündigungen) gelesen habe, und ich einen Text über meine Ängste und Sorgen, über mögliche Handlungsmöglichkeiten schreiben wollte, ist mir diese Episode eingefallen, die im Grunde den aktuellen Ist-Zustand perfekt abbildet: Ignoranz, Passivität, Leugnung. Und: Wir müssen dranbleiben. Ich kann mich nicht jeden Tag veräußern und auf Mängel hinweisen, mich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert. Ich muss auch auf meine Ressourcen achten. Gleichzeitig nützt es ja nichts, selbst zur Ignorantin zu werden. Ich habe den Schaden. Also gilt es, dranzubleiben und sich zu engagieren, damit sich etwas zum Besseren ändern kann, selbst wenn wir in einem maroden Haus leben.
Dazu spielt: Das Ende des Horizonts
… aber, oder, und… – Schreib mir gern deine Gedanken und Erfahrungen: info@janaberwig.de