„Ich klemme noch nicht richtig fest!“ Rufe ich Alla, der Trainerin, zu, als ich Kopfüber mit ausgestreckten Beinen nach oben an der Pole hänge, meine Hände stecken irgendwo zwischen Oberschenkelhaut und Stange. Sie stützt mich, während ich möglichst langsam zu Boden sinke. Das sind die Momente, in denen ich denke: Was mache ich eigentlich hier? Auch vor jeder Stunde geht mir das so. Ich verspüre einen Fluchtimpuls, doch nicht zur Sportstudio-Tür hineinzugehen sondern meiner Wege.

Nach einigen Monaten wöchentlichem Training und seit kurzem mit dem festen Ziel vor Augen – beim Showday des Sportstudios X-Step am 3. Juli eine Choreografie mit meiner Pole-Dance-Trainingsgruppe vorzuführen – treibt mich eine neue Entschlossenheit an und lässt die Zweifel, na sagen wir, einfach Zweifel sein.

Ich mache es auch wegen des Coolheits-Faktors. Denn wer reagiert nicht beeindruckt, wenn ich davon erzähle! Das sind mir dann die blauen Flecken wert, die ich nach jeder Stunde an meinem Körper zähle – stolze Bekenntnisse der neuen sportlichen Herausforderung mit Anfang 40. Ich suche nach Zusammenhängen und beginnenden Fäden aus der Kindheit, die ich nun zur Vollendung führe.

Ich war ein pummeliges Kind, aber sportlich. Nicht auf die Weise sportlich wie ich es damals an Mitschülerinnen mit ähnlicher Statur wahrgenommen hatte – gut in Leichtathletik. Sondern ein zartes Kind im breiten Körper. Ich habe Geräte-Turnen gemacht. Ich weiß noch, wie ich als 10jähriges Mädchen innerlich gefeiert habe, als ich zu einem der regelmäßigen Turniere einer zierlichen Konkurrentin die Goldmedaille streitig machte. Sie war eine von der Sorte, die sich ihrer Sache sehr sicher war und mir nicht zutraute, das Turnier zu rocken. Diese Goldmedaille vom Bodenturnen hängt noch immer mit ein paar weiteren in meinem ehemaligen Kinderzimmer.

Als Jugendliche hatte sich das mit der Figur verwachsen, aber so richtig zufrieden war ich nie mit meinem Körper. Warum eigentlich nicht? Schaue ich jetzt auf meine Extra-Kilos herab, die seit etwa einem Jahr dazu gekommen sind. Ich muss mich überwinden, diesen Anblick auszuhalten. Und da gibt es wirklich viel zu sehen, schließlich stehen wir in knappen Tops und Hotpants an den Stangen vor einem großen Spiegel. Vergleiche bleiben nicht aus.

Aber lieber Blick nach oben und gut festhalten, sich festquetschen, die Tricks verstehen, wie ich an der Stange haften und was Gewichtsverlagerung alles leisten kann. Dass die Trainerin Alla eine super-Figur hat, kann ich gut akzeptieren. Sie ist ja unser Role-Model und wir alle träumen davon, irgendwann so auszusehen und uns so leicht wie elegant an der Stange bewegen zu können wie sie. Die anderen Teilnehmerinnen sind angenehm „normal“. Schöne Frauen, mit ihren individuellen Körpern eben. Und wie sich die Orangenhaut aussagekräftig offenbart, wenn wir uns an die Stange pressen, ist schön anzusehen. Das passiert auch bei den sportlichsten Körpern.

Ich reagiere noch sensibel auf Veränderung. Wenn neue Teilnehmerinnen dabei sind oder eine andere Trainerin die Stunde vertritt, verunsichert mich das und ich muss von Neuem meine Komplexe überwinden. Auch die gegenseitige Hilfestellung bei schwierigeren Übungen, hat mich Überwindung gekostet, die körperliche Nähe mit fremden halbnackten Frauen okay zu finden. Aber auch dass empfinde ich als einen guten Lernprozess, mich locker zu machen. Und an der Selbstverständlichkeit und Offenheit der anderen Teilnehmerinnen nehme ich mir gern ein Beispiel.

Und wer hätte es gedacht: Auch an der Stange tut sich was! Es fühlt sich fast wie ein Wunder an, wenn ich beispielsweise locker(er) einige Male nacheinander bis nach oben geklettert bin und anfange elegant dabei auszusehen. Oder wenn ich beim Zurückbeugen aus dem Sitz in mittlerer Höhe mit den Händen den sicheren Boden erreiche, mich anschließend in den Handstand drücke, um dann – immer weniger plauzend – auf den Füßen zu landen.

Dieses Abenteuer ist so viel mehr als ein Vorspiel für geile Männeraugen in dunklen verrauchten Clubs. Es ist eine Möglichkeit die eigene Weiblichkeit besser kennen und annehmen zu lernen. Und natürlich dem Traum von Schwerelosigkeit und Fliegen ein Stückchen näher zu kommen.

Dazu spielt: Girls United Bootcamp

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