Kontakte zwischen Menschen
Und der Zahn der Zeit
Seit ein, zwei Jahren achte ich immer mehr darauf, wem ich mich, wie öffne.
Man könnte annehmen, dass ich super offen bin, weil ich ja seit einigen Monaten auf Social Media sehr aktiv bin mit persönlichen Inhalten. Das macht mir auch wirklich Freude und ich schätze sehr, dass es wahrgenommen wird und auch Anklang findet! Aber es ist das eine, wie ich mich auf einer Plattformen zeige, und das andere: Ob ich mich einem Gegenüber öffne.
Was voll schön ist für mich: Ich fühle mich weniger bedürftig, was meine sozialen Kontakte betrifft. Das hat sicher auch mit meiner Tätigkeit als Musikerin zu tun. Denn dadurch lerne ich viele Menschen kennen, sei es durch Auftritte, oder durch meine Tätigkeit als Gesangscoach. Insbesondere dort sehe ich Menschen in einer Regelmäßigkeit, wie ich Freundschaften gar nicht pflegen kann und mache andere, neue Erfahrungen, wie man miteinander umgeht. Zudem bin ich sportlich sehr aktiv, besuche unterschiedlichste Kurse und lerne so auch neue Menschen kennen. Dabei genieße ich, dass diese Art Kontakte sehr höflich und wertschätzend sind. Zugewandt und freundlich. Das mag erstmal oberflächlich klingen, aber ist ein schöner Wohlfühlraum und hat Potential, um mit der Zeit in die Tiefe zu gehen.
Früher bin ich Freundschaften oder auch Bekanntschaften immer sehr hinterhergerannt. Ich dachte, besonders viel geben zu müssen, um gemocht zu werden oder um andere nicht zu verlieren. Ich habe versucht, allen alles recht zu machen (und es vermutlich trotzdem nicht geschafft.) Das klingt schon stressig, wenn ich das aufschreibe.
Aktuell fällt mir auf, dass lang gehegte Freundschaften zunehmend weniger Stellenwert haben in meinem Leben. Sie sind mir nicht mehr so wichtig. Das trifft nicht auf alle langjährigen Freundschaften zu. Es betrifft die, bei denen ich mich wieder und wieder an den Pranger gestellt fühle und verantwortlich gemacht werde für dieses oder jenes: „Hättest du nicht das gesagt, hätte ich nicht so reagieren müssen“, beispielsweise.
Ich denke oft, mein Leben ist super langsam was Veränderungen betrifft. Aber gerade in diesem Augenblick, mit Fokus auf eben frühere Kontakte und Freundschaften, denke ich: Ich habe mich absolut weiterentwickelt. Mir ist Wertschätzung und Selbstreflektion wichtig und auch, dass mein Gegenüber sein Verhalten mal hinterfragt, und nicht alles auf mich und meine Art schiebt. Da hat man in Diskussionen dann vielleicht etwas mehr Distanz, man könnte auch sagen: Respekt, und man gibt dem anderen Raum, sein Verhalten ein Stück selbst einzuordnen.
Also, es kann sein, dass mir das schon immer wichtig war, aber durch gesellschaftliche Veränderungen, und das würde ich schon LGBTQ-Bewegungen zuschreiben, wird ein Raum gefördert, in dem man einerseits zu sich stehen darf. Anderseits wird der Raum aufgemacht, sein Gegenüber zu achten und ihm oder ihr zuzuhören. Es geht nicht darum, keine Fehler machen zu dürfen, sondern darum, offen zu bleiben, nachzufragen sowie eigenes Verhalten einzuordnen. Und aus irgendeinem Grund lerne ich immer mehr Menschen kennen, die diesen Raum auch für sich erkannt haben und nutzen. Darin treffen wir uns.
Wenn es früher Diskussionen gab, dachte ich immer, ich muss alles regeln. Mich entschuldigen, es gut machen, mich ergeben. Irgendwie habe ich dann immer die ganz großen Worte, Bekundungen und Visionen ausgepackt. Inzwischen merke ich, dass es vielleicht einen Dialog eher verhindert und falsche Erwartungen weckt. Und ich muss mir eingestehen, dass ich selbst diesen Raum gar nicht immer halten kann, wie Versprechen, die ich früher gegeben habe. Sie waren ein Wunsch am Horizont, dabei stand ich mit beiden Beinen auf der Erde, war selbst verletzt, wünschte mir, dass ich wahrgenommen werde in meinen Bedürfnissen.
Ein Beispiel. Ich war mit einer älteren Frau befreundet. Ein Verlust in ihrem Leben hatte sie gebrochen und dadurch war sie zum Teil sehr garstig und beleidigend. Ehrlich gesagt, denke ich, sie war vorher schon speziell, nur hatte sie durch ihr Schicksal einen Grund, alles zu verdammen und abzulehnen. Mich hat dieses Verhalten eingeschüchtert und gleichzeitig gebunden, ich wollte für sie da sein, und mochte aber auch ihre eigensinnige Art.
Das ging viele Jahre gut, bis ich festgestellt habe, dass ich nun doch lieber Freundschaften auf Augenhöhe und Gegenseitigkeit führen möchte. Das habe ich ihr auch versucht zu sagen. Also, ich habe Gesprächsangebote gemacht, ihr gesagt, dass ich mir wünsche, dass sie mich auch nach meinem Befinden fragt. Aber das konnte oder wollte sie nicht, oder wusste nicht wie. Da hätte sie ja aus ihrer Bitterkeit heraustreten müssen.
Ich habe mich schwer damit getan, was ich damit anfangen soll, denn, ich hatte ihr versprochen: Mach dir keine Sorgen, ich lasse dich nicht allein am Ende deines Lebens. Sie hatte große Angst davor und ich wollte wirklich für sie da sein. Aber ich konnte nicht mehr. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, mich für unseren Kontakt bedankt und mich verabschiedet. Ohne Erklärungen, die sie ja vorher auch nicht hören wollte von mir. Darauf kam keine Antwort. Mir tat natürlich leid, dass ich mein Versprechen nicht halten konnte, nicht um den Preis, mich selbst in diesem Verhältnis zu verlieren.
Einem Freund, mit dem ich auch so ein Thema habe, wie wir unsere Freundschaft gut weiterführen können, habe ich mal gesagt: Ich bin jetzt durch diese Tür gegangen. Es gibt kein Zurück mehr.
Ich glaube, dieses Bewusstsein sind mit den Sätzen entstanden, mit denen Grace Farmer immer ihr Sweat Body Workout einleitet (sie sagt es auf Englisch, aber es geht in etwa so): Nehmt euch den Raum, entfaltet euch, teilt den Raum/ dieses Erlebnis mit anderen, aber achtet auch aufeinander. Wenn man sowas wirklich leben kann, haben alle etwas davon.
Dazu spielt „Zeit für Zärtlichkeit“:
… aber, oder, und… – Schreib mir gern deine Gedanken und Erfahrungen: info@janaberwig.de