Als wir nach den Sommerferien in der Schule über unser schönstes Ferienerlebnis berichten sollten, hab nie gewusst, was ich schreiben soll. Was wäre daran so spannend, meinen banalen Tagesablauf zu schildern? Was sonderlich interessant daran für andere? Die Tage ähnelten sich, die ich mit meinen Eltern oder Großeltern verbachte, zu Hause oder an der Ostsee. Inzwischen bin ich bereit, über den Tellerrand hinauszuschauen oder vielleicht auch tiefer ins Glas. Das Bedürfnis nach einer vertrauten Ummantelung ist jedoch geblieben, wird mir immer wieder klar. Zum Beispiel jetzt, als ich Berlin über die unsichtbare Grenze verlasse Richtung Süden…

Schon der Weg zum Stadtrand ist eine echte Geduldsprobe: Immer gerade aus. Man könnte meinen, da hätte man nichts auszustehen. Doch mit der Zeit drohe ich verrückt zu werden, in der Annahme, das -immer nur gerade aus- gleichzusetzen sei mit -dauert nicht so lange-. Jedenfalls macht der Kopf nach jeder Kreuzung die Frage auf: War das nicht letztens viel kürzer? Als nächstes stellt sich ein Verdacht ein: Bin ich vielleicht in einer Zeit-Schleife gelandet und werde für den Rest meines Lebens unterwegs sein nach… Lichtenrade?

Noch mindestens drei weitere gleich aussehende Kreuzungen dauert es, bis ich mich mit meinem Schicksal arrangiert habe… als sich zwischen Straße und Gehsteig von Bordstein eingefasste Aussparungen zeigen. Da weiß ich, dass ich meine Anlaufstelle gleich erreicht haben werde. Normalerweise suche ich mir ein freies Kästchen und platziere das Auto, um in der Wohn-Siedlung auf dem Gelände des ehemaligen Sanatoriums meine Freundin zu besuchen. Heute ist es anders. Ich glaube, es ist das erste Mal in unserer langjährigen Freundschaft, dass wir absichtlich und grundlos, einzig der Naherholung zugewandt, völlig klischeehaft also, Urlaub zusammen machen wollen. Mit begrenzter Zeit von 42 Stunden und Ziel im Berliner Umland. Aber Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Und unsere gemeinsame Träumerei über eine 42tägige Reise nach Amerika sollte erst diverse Trockenproben durchlaufen.

Es gibt nämlich mehrere Fragen, die vorab abgeklärt werden sollten, die Wichtigste: Halten wir es miteinander aus? Durchfährt mich ein Schreckmoment, als ich den Anruf meiner aufgeregten Freundin Cecilia abwimmle. Die wird sich schon beruhigen und ich werde mich nicht stressen lassen, nehme ich mir vor, bevor ich mich der drögen Sonnenstimmung wieder hingebe. Sie wollte mich fragen, wann genau ich ankomme, klingelt das Smartphone erneut. Cecilia hat sich erinnert, was sie mir eigentlich sagen wollte: „Stehe dann draußen an der Bushaltestelle.“ Ich erkläre mich mit ihrem Vorschlag einverstanden.

Per Anhalter nach Fläming. Allein hätte ich sicher nicht den Versuch unternommen, diese gerade Strecke weiterzufahren. Gemeinsam können wir uns gegenseitig bestärken, darin, dass wir nicht verrückt sind und es auch nicht werden, darin, dass es tatsächlich Orte gibt, die nur erreicht werden, in dem man immer seiner Nase folgt. Sie versichert mir jedenfalls glaubhaft, dass das der Weg sei, zu ihrer Kindheitserinnerung. Den Sommertagen bei ihren Großeltern auf dem Bungalow. Mir kommt mir die Gegend auch bekannt vor. War ich hier schon mal, oder sieht es überall in Brandenburg so aus? Beginnt nun das Alter, in dem sich verstreute Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins graben, und mit der Gegenwartswahrnehmung vermischen? … In meine Gedanken hinein sagt Cecilia: „Da wo das Licht ist, müssen wir rechts abbiegen. Dann sind wir da!“

Durch staubig sandigen Boden waten wir und treten durch die Zauntür in die gepflegte Parzelle inmitten eines Kiefernwaldes. Die Bäume ragen hoch hinaus. Ich lege meinen Kopf zurück, bis ich Sorge habe, das mir schwindelig wird. Das macht es so besonders, der Wald als Ort der Ruhe, der über uns wacht. Unser Naturdach. Auch der Bungalow hat ein Dach und die Großmutter meiner Freundin hat für alles gesorgt: Es gibt einen Eier-Piekser, eine Zitronenpresse mit extra-großem Saftauffang-Behälter, ich entdecke einen Entfusseler, eine Märchen-Büchersammlung. Gummilatschen in verschiedenen Größen. Um einige der absoluten Highlights zu benennen.

Meine Freundin ist schon wieder aufgeregt, aber inzwischen ist das eine leichte Aufregung. Sie hüpft herum auf der Wiese des Anwesens, stellt sich schließlich neben die Eiche gegenüber dem Gebäude und erklärt mir, dass sie und die Eiche gleichalt sind. Der Baum überragt sie um das Dreifache, an einem der unteren Äste ist eine Vorrichtung zur Vogelfütterung angebracht. Davor steht eine Bank. Ich brauche noch einen Moment, um die Diskrepanz zu überwinden, zwischen der lauten, rastlosen Stadtkulisse und der Abgeschiedenheit dieser Umgebung. Ich bin still, ich höre ihr zu, wie sie von früher erzählt. Unglaublich still ist dieser Ort. Ummantelt von Bäumen, die bis in den Himmel reichen und den Erinnerungen meiner lieben Freundin.

Wir stärken uns und machen einen Spaziergang. Die Dämmerung hat schon eingesetzt, und wir stellen uns vor, dass wir eine Nachtwanderung machen, so wie als Kinder im Ferienlager. Ich war fast 9 und durfte nicht teilnehmen, weil man erst mit 10 teilnehmen durfte. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und diskutiert bis aufs Mark, aber die Aufsichtsjugendlichen waren streng. Nix da! Später wurde ich von meinen Bungalow-Mitbewohnerinnen getröstet… Die waren alle älter und durften mitgehen. „Jetzt holen wir das nach“, piekst mich Cecilia von hinten in die Hüften und quiekt vergnügt. Ich schreie kurz auf. So einfach geht das.

Zum Glück sind die umliegenden Parzellen zum Teil bewohnt. Sonst hätten wir wirklich Angst! Aber einige Stimmen, beleuchtete Fenster und Terrassen, mildern den Spuk ab. Rasen-Sprenkler, die unwillkürlich anspringen, verfehlen dennoch nicht ihre Wirkung. Nachtleuchten, vom Sonnenlicht aufgeladen und im Boden verhaftet, zeigen uns den Weg, wie Brotkrumen, die im Tageslicht unsichtbar sind.

Dann entdecken wir ihn – den König der Nacht, oder ist es doch eine Königin? Zwischen dem Walddickicht erkennen wir ein Licht, das höher steht als die anderen verstreuten Leuchtpunkte. Cecilia fällt ein, dass wir ihn von der Straße aus bestimmt in Gänze bewundern können, und führt uns zielstrebig an. Da! Und: Oh, und ah! Machen unsere Münder, und huldigen dem Mond, der uns mit breitem Grinsen nun vollends begrüßt. Es gibt auch noch einen kleinen Friedhof an dieser Stelle und daneben ein Waldstück aus dem es raschelt, was unserer Grusel-Reise neues Futter gibt. Wir laufen ein paar Schritte weiter zu der Biegung, in der wir in die Märchen-Siedlung zuerst eingetaucht waren. Dort empfängt uns unter einer blassen Laterne, ein Camping-Tisch mit Tellern und Krügen, alles Ost-Haushalts-Ausschuss-Ware zu West-Preisen, feilgeboten von einer rothaarigen Katze, die sich sinnlich lustvoll an der niedrigen Grundstücksmauer reibt. Sie hat es eindeutig auf uns abgesehen: Hm, miau, Hm, mau, spricht sie uns an. Wir tun, was uns befohlen wird und kraulen das Tier ausgiebig.

Nachdem wir wieder an unserem Bungalow ankommen, setzen wir uns auf die Bank vor dem Bau, und gehen bis spät in die Nacht unserer neuen Lieblingsbeschäftigung nach: Den Mond betrachten. Es ist ein Bild wie aus einem Scherenschnitt: Die dünnen langen Stämme reihen sich dicht aneinander, ihre konkaven Baumspitzen und -äste fallen größer werdend herunter. Dahinter ein Schwarz-Blau, das sich zu einem Kreis hin aufhellt. Eine Baumlichtung in der Mitte des Bildes, zeigt das weiße Wunder nochmals in voller Blüte, bis es sich von unsichtbaren Stäben geführt in einem leichten absinkenden Bogen langsam weiter nach rechts bewegt.

Absolute Stille. Nur hier und da, krachende Laute von Kienäppeln, die auf diese Zivilisation stürzen. Das muss mir meine Freundin aber erst erläutern, ich hätte sonst doch noch einmal in die Schauerkiste gegriffen. Wir fürchten uns nicht mehr, auch wenn wir manchmal Angst haben. Ich stehe kurz auf und sammle eines der Natur-Geschütze ein. Dann bin ich damit beschäftigt meine Fußsohle über einen Kienäppel gleiten zu lassen, und schließe die Augen…

Und das ist noch längst nicht alles! Nicht erzählt: Wie überraschend Cecilias Cousine auftaucht, wie wir mit dem Klapprad an den Badesee fahren, wie wir die rothaarige Katze mit dem weichsten Fell des Universums wiedersehen und streicheln, wie ich allein abreise, weil meine Freundin beschließt länger zu bleiben… Wie hätte ich meiner Lehrerin damals erklären sollen, dass die Geschichte über meine 8 Wochen Ferien nicht in ein Schulheft der 4. Klasse passen werden?


… aber, oder, und… – Schreib mir gern deine Gedanken und Erfahrungen: info@janaberwig.de