Merveille du Vivant
Über Postkarten-Landschaften
Manchmal erlebe ich Dinge wie zum ersten Mal, die für andere so banal sein müssen, dass ich mich kaum traue, sie zu beschreiben. Vermutlich bin ich etwa der Drei Milliardste Mensch, der ein ähnliches Erlebnis schildert. Bezogen auf mein Leben würde ich es vergleichen mit einer Mondlandung und erscheint mir in jeder Facette erzählenswert, auch wenn es ausgewählte Episoden bleiben werden. Vielleicht kann der Mehrwert für den geneigten Leser/ die geneigte Leserin ja genau darin liegen – eine der Errungenschaften der fortschrittlichen Gesellschaft für die Massen – aus Sicht Einer nachzuspüren, für die es bisher eine echte Seltenheit war: Die Urlaubsreise.
Im vom Schnee und Eis geplagten Berlin hegte ich sogar noch Anti-Reisegedanken. Ich bekam einfach nicht zusammen, dass ich an einem anderen Ort besser aufgehoben sein sollte als in meinem vertrauten Umfeld mit einem erst kürzlich gut erarbeiteten und erfüllten Tagesablauf und Lebensgefühl. Und wie das dann immer so ist, standen in dieser Woche, in der ich nicht in der Stadt sein würde, die vermeintlich interessantesten Veranstaltungen und attraktivsten Aufträge an. Diese Gedanken kamen auf, weil am Vortag der gesamte Flugverkehr aufgrund der Winterwetter-Situation lahmlag… Aber mir war klar, dass ich der Einladung meiner Freunde folgen würde. Sie freuten sich sehr auf meinen Besuch. Stündlich bekam ich Nachrichten, in denen sie mir das immer wieder bekundeten. Was kann es Schöneres geben, als sich so erwünscht und willkommen zu fühlen!
Am Flughafen in Nizza erwarteten sie mich bereits mit einem strahlenden Lächeln, trotz Wind und Nieselregen und einer kleinen Bombendrohung vor Ort. Wir fuhren durch abendliche Lichter und Silhouetten zu unserem Zielort Menton. Dort hatten meine Freunde ein Zimmer ihrer Ferienwohnung für mich vorbereitet, in einem ehemaligen Hotel.
Geschwungene Terrassen-Streben aus Stein in einem Beige-Ton, vor einer großen Palme, die dem Ganzen einen angenehmen Kitsch verlieh. Dahinter Häuser-Fassaden in Sonnengelb und gedrungene Dächer in Orange. Darüber glitzerte es weißlich auf Wasser zum morgendlichen Farbspiel des Himmels. Dieser Ausblick zeichnete die erste Postkarten-Ansicht, als ich gegen sieben Uhr am nächsten Tag die Zimmerläden öffnete. So ähnlich ging es weiter, als wir nach dem Frühstück den Ort zu Fuß erkundeten bei T-Shirt-Temperaturen in der Sonne. Im Schatten waren wir froh, uns die umschlungenen Pullover und Strickjacken überziehen zu können. Ich hatte, wie so oft keinen Plan, wo ich mich – geographisch gesehen – befand, und nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit auf der Karte meine Lage zu sichten. Alle paar Meter blieb ich stehen, um die Umgebung fotografisch zu dokumentieren. In einer früheren Zeit wäre ich vielleicht achtsamer gewesen mit meinen Aufnahmen, von denen ich die schönsten behalten würde.
Es ist für mich immer ein Wunder, wie die Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen können, zwischen äußeren Reizen und Momenten der Langeweile in der Unterkunft. In diesem Nebeneinander von Orten und Landschaften, von äußeren und inneren Zuständen, die ähnlich und anders zugleich sind. Meine Freunde und ich hatten einen angenehmen Rhythmus von Erkundungen der Gegend, Ausflügen mit dem Auto und viel Zeit zum Ankommen und einfach sein.
Wir bewegten uns zwischen Côte d’Azur und Riviera ligure, und am nächsten Tag ging es ins italienische Imperia. Das sei ihr Lieblingsort, erzählte meine Freundin, weil es einfacher und bodenständiger sei. Der Cappuccino war auf jeden Fall halb so teuer wie in Menton. Die Häuser waren etwas verlebter und am Hafen wurde gebaut, mir fehlte der Blick auf das weite Meer. An einem anderen Tag brachen wir auf zum Chateau Eza, das wir über das Fürstentum Monaco erreichten. Wir sprachen über Adelsgeschlechter, über Gleichheit und Ungleichheit, über Aneignung und Widerstand. Manchmal wünschte ich mir, Erzähltes mehr behalten zu können oder den Wunsch zu haben, besser informiert zu bleiben. Außer, dass es viel Ungerechtigkeit gibt und Menschen sich dennoch arrangieren, Gegebenheiten annehmen und sie dennoch zu gestalten versuchen und irgendwie von Entwicklungen profitieren, verschwimmt alles sofort wieder zu einem Blabla… Als wir dann das Chateau Eza erklommen hatten und in dem Café auf dem obersten Plateau der Burg Platz nahmen, offenbarte sich ein Blick über weitere Anhöhen, Schluchten und vor allem das Meer, der seines Gleichen sucht. Dieses Meer, das so viele Fragen und Antworten zugleich in sich birgt, das am Horizont mit dem Himmel zu verschmelzen schien. Ich habe nie etwas Beeindruckenderes gesehen.
Tags darauf fuhren wir wieder nach Italien: San Remo. Ein Name, der sich mir von den aufbewahrten Postkarten von West-Verwandten an meine Großeltern im Gedächtnis verankert hatte. Diese Ansichten wurden plötzlich zu einem lebendigen Ort. Die aufgetürmten Häuser zum Berg hin und den Strand auf der anderen Seite kannte ich, genauso wie die aneinandergereihten Masten der kleinen Boote im Hafen! Alles sah genauso aus wie in meiner Erinnerung, auch wenn sich seitdem sicher vieles verändert hatte. Sei es, dass Fassaden bröckelten oder neue hinzugekommen waren. Die Farben blieben bestechend, das Azur-Blau, die Tuschkasten-Farben der Häuser, die Palmen, Zitrusbäume, Kakteen, Straßen von Serpentinen. Rollerfahrer, Rennfahrer, die unverschämt die Autos überholten und sich ein ums andere Mal in Lebensgefahr brachten. Wie ein Film, den ich nie gesehen hatte und der mir doch bekannt vorkam, als ob ich ihn gar selbst erlebt hatte, ein ums andere Mal.
Eine weitere Attraktion würde es am Wochenende in unserem Ort Menton geben: Das Zitronenfest. Das mag zunächst romantisch klingen… Aber weit gefehlt! Menschenmassen wurden mit Bussen angekarrt, um Tausende, Millionen und Abermillionen Zitronen und Orangen zu bestaunen, die zu riesenhaften Skulpturen verarbeitet wurden. Diese Enge und der Lärm machen mich fertig, zum Glück ging es meinen Gastgebern ähnlich, so dass wir nur einen kurzen Abstecher machten und uns auf dem Rückweg an der Strandpromenade wieder entspannten. Auch wenn mich das diesjährige Motto direkt ansprach: Merveille Du Vivant. Wunder des Lebens, vielleicht könnte man auch Wunder der Natur sagen.
Am Tag der Abfahrt gab es einen letzten Ausflug nach Saint Paul de Vence, ein Künstlerdorf in der Nähe von Nizza, um mich später gleich am Flughafen absetzen zu können. Enge Gassen von alten Gemäuern, die hübsch aufbereitet waren mit vielen Ateliers und Verkaufsräumen, und dann waren da wieder diese Ansichten und Ausblicke. Diesmal war es ein weiter Blick über flache Hügel mit Häusern und ganz hinten, am Ende des Horizonts, die weißen Spitzen einiger Berge. In die andere Richtung lugte wieder das Meer hervor mit seinem Versprechen.
Zu meiner Erzählung gehört ebenso, dass es Stürme und Überschwemmungen nicht weit von Menton gab, zur Zeit meines Besuchs. Als ich bei einer Freundin meiner Gastgeber nachfragte, sagte sie, dass sie sich große Sorgen mache, weil sie spürbar merkte, wie der Meeresspiegel in den letzten Jahren gestiegen sei. Ich war an dem Morgen der Sturmwarnung am Strand und habe gesehen, wie die Wellen gegen die Uferbefestigung schlugen. Wie können wir so konsequent, die Größe der Natur ignorieren und die Veränderungen ausblenden? Warum weigern wir uns, die Zeichen zu lesen und ziehen uns nicht in Demut zurück? Wie kann es gelingen, uns von diesem überheblichen Glauben zu befreien, über allem zu stehen? Diese Gedanken kommen und gehen, wie der Wellengang. Sie bleiben mit dem Anblick des großen weiten Meeres, der Berge, des Himmels… in tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit für jeden Atemzug.
Mir ist noch etwas klar geworden, dass besondere Aufmerksamkeit verdient: Auch, wenn ich bisher keine Förderungen, Auszeichnungen oder Preise erhalten habe für mein künstlerisches Schaffen und – immer weniger – aber sich in den letzten Jahren doch ein tieferer Schmerz deshalb in mir festgesessen hat… wird mir klar, dass mein Weg sehr wohl Förderinnen und Förderer hat. Es sind Leute, wie meine Freundin Trixi und ihr Mann Andi, die mich eingeladen haben, als Freundin, als Künstlerin. Sie haben es mir ermöglicht, diese inspirierende Woche fernab des Alltags erleben zu dürfen. Ich danke euch von Herzen!
Jetzt ist alles weg und vorbei. Ich stecke wieder fest mit beiden Beinen im Berliner Grau, und mir fällt es schwer, ausführlich zu antworten, wenn ich nach meiner Reise gefragt werde, weil mich hier andere Dinge beschäftigen. Den Text habe ich in weiser Voraussicht schon während des Urlaubs angefangen zu schreiben, als das Geschehen noch Teil von mir war. Und trotzdem steckt noch etwas in mir. Ich glaube, ich habe ein paar südfranzösische Sonnenstrahlen verschluckt und die glühen und strahlen nach.
Dazu spielt: Im Freibad
… aber, oder, und… – Schreib mir gern deine Gedanken und Erfahrungen: info@janaberwig.de