Seit einiger Zeit denke ich vermehrt an meinen Großvater. Nicht den, also nicht -nur- an den, der vor kurzem verstorben ist. An den anderen Großvater denke ich. Er ist schon seit über 10 Jahren tot. Doch erst vor kurzem habe ich ein Büchlein in seinem Nachlass entdeckt und mir angeeignet. Es ist ein winzig kleines Buch mit Sinnsprüchen von asiatischen Weisen. Inzwischen liegt es neben dem stillen Örtchen, an dem ich gern alltägliche Weisheiten über das Leben empfange. Und ich bin so begeistert, die klugen Worte längst vergangener Zeiten nachlesen zu können! Etwas traurig finde ich, dass ich nicht mit meinem Großvater darüber sprechen kann. Ihm nicht sagen kann, wie begeistert ich bin, über diese (Wieder-)Entdeckung. Ihn nicht fragen kann: Wo hast du das her, was ging dir durch den Kopf, als du es erworben und reingelesen hast?

Mit einigen Menschen geht mir das so. Manchmal sind es auch Menschen, die zwar noch leben, aber nicht mehr aktiv in meinem Leben vorkommen. Ich stelle mir dann vor, was sie sagen würden, zu bestimmten Themen. Oder dass sie sich vielleicht darüber freuen würden, wenn ich etwas aufgreife, was ich durch sie mitbekommen habe.

Zum Beispiel sehe ich hin und wieder meine Großmutter auf dem Sofa bei ihrer Strickarbeit, wie sie mich liebevoll anschaut und mir erklärt, wie ich diese Sache stricken muss, oder wie sie einfach etwas Warmes, Liebevolles sagt. Ihr ganzes Wesen ist die Antwort auf meine Fragen.

Eine Zeit lang war es ein Coach, der mich durch meine frühere berufliche Laufbahn begleitet hat. Auch als ich nicht mehr zu ihm gegangen bin, habe ich mir vorgestellt, was er sagen, antworten würde, auf diese oder jene herausfordernde Situation. Es sind Antworten, die ich kenne, weil mir seine Art mich zu beraten vertraut war. Es sind Antworten, die ich in mir trage, nur nicht selbst den Mut hatte, sie auszusprechen.

Jemand hatte mir vor einigen Wochen von einem Verlust berichtet und gefragt, ob es schlimm wäre, dass er diese Person immer noch sehen, mit ihr sprechen würde. Sicher nicht, sage ich. Ich finde das menschlich.

Es heißt, dass Erinnerungen trügerisch seien und Menschen im Rückblick das Schlechte ausblenden. Ich kann mir gut vorstellen, dass das so ist. Es macht ja auch keinen Sinn, sich alles Schlecht auszumalen. Das ist sehr schmerzhaft und kann uns Kraft entziehen für unser eigenes Sein. Erinnerungen sollen uns stärken im Alltag. Die Einordnung und Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist vielschichtiger, aber hoffentlich auch konstruktiv! Im besten Fall positiv: Ich bin jetzt an diesem Punkt, weil… Es hat meine Wahrnehmung geschärft, dass… Nur weil ich diese oder jene Erfahrung gemacht habe, bin ich so sensibel geworden, zum Beispiel.

Bei meinem Großvater würde ich sagen, er hat mich durch seine Eigensinnigkeit geprägt. Sicher hätte er geschmunzelt über meinen Buch-Fund. Vielleicht hätte er mich auch auf das Vorwort hingewiesen, dass ich erst später entdeckt habe. Da steht sinngemäß: Selbst wenn nicht alle darin abgedruckten Weisheiten von asiatischen Weisen stammen würden, können solche Sätze helfen, Gesprächen eine neue Wendung zu geben und eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen. Recht haben sie – die alten und neuen Weisen!

Dazu spielt:

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