Gerade habe ich die aktuelle Folge des Podcasts „Hotel Matze“ gehört, im Interview mit Ronja von Rönne. Die Autorin stellt ihren neuen Roman vor, in dem es um Depression geht. Im Gespräch erzählt sie außerdem über ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Thema. Im Vorspann spricht der Moderator Matze Hielscher eine Trigger-Warnung aus, die er kurz darauf nochmals verstärkt: Menschen, die sich nicht wohlfühlen mit diesem Thema, sollten abschalten.

Hm. Geschichten und Erfahrungen anderer, können uns berühren, anrühren, vielleicht sogar offenlegen, was wir selbst noch nicht (über uns) wussten. Aber das empfinde ich als etwas Gutes, zumal die Interview-Situation einen verantwortungsvollen Kontext vorgibt. Betroffene fühlen sich im besten Fall nicht (mehr) allein mit diesem Thema. Selbst Menschen, von denen wir es nicht erwarten, können betroffen sein, erfahren wir. Und die, denen es wirklich zu viel wird, können ja tatsächlich abschalten… Jedenfalls finde ich, dass wir für die alltäglichen Sorgen, die bisher sowieso insgesamt noch viel zu selten, zu wenig an- und ausgesprochen werden, keine Warnungen geben müssen, nicht sollten. Sondern im Gegenteil, wir sollten sagen: her damit!

In unserer Zeit sind wir mehr denn je konfrontiert mit den Sorgen und Unzulänglichkeiten von Menschen. Da mutet der Geschichtsunterricht Kindern bereits die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu. In Nachrichten, erfahren wir von Kriegen, davon, dass Menschen auf hoher See ihr Leben verlieren, bei dem Versuch eine neue Heimat zu finden. Es wird sexueller Missbrauch in der Kirche thematisiert. Ungefiltert werden herzzerreißende Geschichten von Krankheit und Tod, und noch schlimmer – Hass-Kommentare – auf Facebook und Co. gepostet. Alles ganz ohne Trigger-Warnung…

Eine Warnung wäre ebenso angemessen, wenn Menschen von einer behüteten Kindheit in „die Erwachsenen-Welt“ entlassen werden, vielleicht sogar niemals eine Art Geborgenheit kennengelernt haben: Wir werden uns – früher oder später – selbst überlassen, müssen eigenständig Verantwortung für unser Leben übernehmen. Selbst entscheiden, den eigenen Weg gehen, im Spagat einer Gesellschaft, die nach wie vor klare Strukturen vorgibt, bei gleichzeitigen Aufbrüchen individueller Möglichkeiten.

Ich bin sehr froh und dankbar, dass die Menschen in meiner Umgebung offen sind für jegliche Unwägbarkeiten. Wenn ich beispielsweise recht intensiv mit meinen Themen und Fragen an sie herantrete, sie damit von Zeit zu Zeit „überfalle“. Ebenso bin ich offen für ihre Belange. Das ist in der Regel sogar erleichternd, lenkt es mich ab, von den eigenen Sorgen und fühle ich mich so gleich weniger eigenartig. Das Leben ist eine Baustelle.

Zum Schluss des Podcast-Gesprächs heißt es (und das habe ich auch schon in anderen Berichterstattungen über die Kapazitäten von Psychotherapie-Möglichkeiten gehört), dass es nicht genügend Kliniken und Ärzte gibt, als dass jeder und jede eine zeitnahe Behandlung bekommen könnte. Das Fazit für mich: Diese eine Verantwortung, unser Leben selbst zu leben, bleibt. Ebenso die Aufgabe, anzufangen und nicht aufzuhören, die eigene Resilienz zu stärken. Des Weiteren, Gesellschaft zu öffnen für diese Thematiken: Lernen zu lernen, mit Krisen umzugehen, einander zuzuhören und vor allem uns Zeit für uns und füreinander zu nehmen.

Dazu spielt: „Flugzeuge“

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