Als Kind hätte sie gefesselt ihrem Großvater gelauscht, wenn er von dem Ort in Böhmen erzählte, an dem in idyllischer Landschaft alles seinen Platz hatte. Sie war in Ordnung, die Welt, dort, in der Heimat. Damals, als sie noch nicht geboren war. Bis Claudia Nentwich selbst das Gefühl hatte, nicht vollständig zu sein, wenn sie nicht wenigstens einmal diesen „Sehnsuchtsort“ besucht hätte, an dem ihre Familiengeschichte wurzelt. So in etwa hat die Autorin nach der Premieren-Lesung zu ihrem neuen Buch „Königswald“, Freitag vor einer Woche, den persönlichen Bezug zu ihrer neuen Veröffentlichung erläutert.

Nach der Veranstaltung hatte ich sofort das Bedürfnis, meine Eltern zu besuchen. Und ich habe bemerkt, wie selbstverständlich das für mich ist. Meine Großeltern waren ebenso immer vor Ort (mütterlicherseits), oder ich konnte sie besuchen in den Ferien (väterlicherseits). Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Sie haben zwar auch von ihrer Vergangenheit gesprochen, aber es schien ein Ort zu sein, der nicht zu sehr ihre Gegenwart bestimmte. Jedenfalls nicht als Ideal eines Alltags.

Wie kostbar mir das gerade erscheint, vor dem Hintergrund, dass Andere ein solches Gefühl nicht kennen oder es ganz anders erlebt haben… Vielleicht wissen Menschen gar nicht, wo sie hingehen könnten, für diese Art Geborgenheit. Natürlich gibt es auch in der „heilen Welt“ Sorgen und Probleme. Aber das Gefühl keinen Platz zu haben – ja, neben dem Jammern und Verlorenheitsgefühlen, die mich hier und da durchaus überkommen – weiß ich: Da gibt es einen Ort, an dem ich immer willkommen bin. An dem ich mit offenen Armen empfangen werde. Inzwischen gibt es weitere solcher Orte, in Berlin bei bestimmten Personen. Es zeigt, dass für mich Heimat kein bestimmtes Fleckchen Erde sein muss. Ich kann es gleichsetzen mit einem Zuhause-Gefühl.

Zumindest konnte ich, wenn ich mich recht erinnere, lange Zeit mit dem Begriff Heimat nicht wirklich etwas anfangen. Wir hatten in der Schule „Heimatkunde“. Da müsste ich erstmal in einer Schatzkiste kramen, ob ich nicht doch noch ein Schulheftchen finde, das in meiner Erinnerung mit verschiedenen Zeichnungen versehen ist. Das DDR-Lied „Unsere Heimat“ kommt mir in den Sinn. Das mochte ich. Es hat eine schöne Melodie und es kommen Dinge drin vor, die ich mag, wie Landschaftsbeschreibungen und Tiere. Die Ideologie dahinter blieb mir fremd.

Nach der Wende erinnere ich die sogenannten „Heimatfilme“, die im Fernsehen gezeigt wurden. Da strahlte Heimat einen Ort aus, an dem die Welt perfekt inszeniert war. Ich kann mich an blaue Himmel erinnern, davor Bergwiesen und/oder Wirtshäuser. Dazu Männer und Frauen mit gut sitzenden Wellen-Frisuren und Trachten-Kleidung. Alles in Techni-Color. Vielleicht ähnlich, wie es Claudia aus den Beschreibungen ihres Großvaters kannte.

Manchmal habe ich gesagt, das war viel später, dass Berlin meine zweite Heimat ist. Und dass meine erste Heimat der Ort ist, an dem ich meine Wurzeln habe, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe in den letzten ein, zwei Jahren begonnen, mehr darüber nachzudenken, weil ich älter werde und meine Eltern auch. Gedanken darüber, wie ich und meine Geschwister es regeln würden, wenn unsere Eltern mehr Unterstützung brauchen würden, kamen auf. Denn wir drei Schwestern lebten nicht mehr an dem Ort, an dem meine Eltern ihr Haus haben. Die Erkenntnis lag nahe: Es könnte heißen, dass diese Art Heimat zur Erinnerung werden würde…

Im letzten Sommer zog eine meiner Schwestern mit ihrem Partner zurück in unsere Heimat. Seitdem sind diese Reflexionen verschwunden. Und ich habe gespürt, wie mich das erleichterte, und ich froh war, dass die erste Heimat mehr als eine schöne Erinnerung bleiben wird, auch zukünftig.

Dazu spielt: Auf der Veranda

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