Es war im Sportunterricht in der zwölften Klasse, wir sollten eine Erwärmung vorbereiten und vorzeigen, in Zweier-Teams. Ich war zusammen im Team mit einer Mitschülerin, die weniger sportlich und motiviert war. Ich glaube, wir haben einmal versucht gemeinsam zu üben, aber uns darauf geeinigt, dass ich die Vorbereitung übernehme. Das hatte ganz praktische Gründe: Ich war zu der Zeit erkältet und kann mich noch erinnern, wie ich mega verschwitzt im Wohnzimmer hoch und runter gehüpft bin. Es kann auch sein, dass ich nicht so viel Lust hatte, ins unmotivierte Gesicht der Mitschülerin zu schauen, die mit dieser Aufgabe überfordert war.

Für unsere Leistung, der Vorführung im Sportunterricht, hat uns die Lehrerin mit 2+ bewertet. Sie kam nach der Stunde zu mir und sagte: Ich habe gesehen, dass du die einzelnen Elemente besser ausgeführt hast und vermute, dass du die Übung vorbereitet hast. Aber ich kann eure Leistung nur gemeinschaftlich beurteilen, deshalb kann ich dir keine 1 geben.

Das habe ich damals schon nicht verstanden und verstehe es nach wie vor nicht: Ich habe einer Mitschülerin geholfen und dafür wurde ich (auch) schlechter benotet. Die Lehrerin hätte uns locker beiden ein -sehr gut- geben können, und das Gespräch mit der weniger motivierten Mitschülerin suchen. Und klar, hätte sie uns auch separat benoten können. Das wäre für mich eine weit motivierendere Erfahrung gewesen als ihre Worte hinter den Kulissen.

Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, komme ich auch nicht wirklich auf eine andere Lösung. Nicht alle Menschen können eben alles gleichgut, denke ich. Und es ist total ok, die anderen auch mal „mitzunehmen“. Denn unsere Talente sind unterschiedlich verteilt.

Stattdessen ist der Subtext: Wenn du anderen hilfst – die nicht so gut auf diesem Gebiet sind, wie du – schmälert das deine eigene Leistung. Das heißt weiter: Wenn wir innerhalb der Strukturen vorankommen wollen, dann sollten wir uns Menschen suchen, die ähnlich sind. Gleich zu gleich, gut zu gut, schlecht zu schlecht, stark zu stark, schwach zu schwach. Die Skala führt hoch oder runter. Da ist nicht sonderlich viel Spielraum für Neu-Interpretationen. Dabei ist es eigentlich keine Einbahnstraße.

Ich bewege mich gern zwischen den „Bubbles“, wie ja diese Ähnlichkeitsgruppen heutzutage heißen. Ich möchte Meinungen hören und Anteil nehmen an Lebenswegen, die anders sind als meine eigenen. Das empfinde ich als sehr bereichernd. Ich möchte mich überall zu Hause fühlen. Es mag sein, dass ich dadurch langsamer bin. Vielfalt unterliegt nicht einem Effizienzgedanken. Das liegt schon in der Sache an sich: Wo es mehr zu sehen gibt, brauchen wir mehr Zeit, um alles zu betrachten und zu erfassen.

Komisch, auf der einen Seite, wird ja heutzutage behauptet, wie toll und wichtig Vielfalt ist – denken wir an die ganzen Bemühungen, Menschen gleiche Chancen zu geben und gleichberechtigt zu behandeln. Andererseits, schauen wir auf die stets gern und viel zitierten Statistiken, bildet sich ein anderes Bild ab: Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher. Aber wie soll sich wirklich was ändern, wenn wir die Bewertungssysteme nicht aufbrechen und neu definieren? Schule könnte diesbezüglich ein guter Wegbereiter sein, eigentlich.

Dass ich anderen Hilfe anbiete, ist für mich übrigens selbstverständlich geblieben. Und ja, dann nehme ich auch in Kauf, dass meine eigene Leistung dadurch etwas zurückstehen kann. Also, ich achte inzwischen vielmehr darauf, dass es im Einklang mit mir ist. (Aber das ist wohl noch mal ein anderes Thema.) Ich kann mich gut ablenken mit Dingen, die ich für andere tue. Ich mag das Gefühl, anderen helfen zu können. Daraus ziehe ich einen Wert, es tut mir gut und ich fühle mich gebraucht. Dieser Wert steht nicht in der Hochleistungs-Skala, aber zum Glück habe ich eine eigene.

Dazu spielt: Girls United Bootcamp

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