Der Vater fragt, ob ich das Handy mitnehme. Ich sage: ja. Und krame erstmal nach dem Pilzkorb, den ich nebenan in der Laube von meinem Opa unter Spinnenweben erspäht habe. Hier ist die Natur zu Hause. Wobei Spinnen samt ihren Netzen auch in meiner Berliner Wohnung recht verbreitet sind. Vielleicht rieche ich trotz vieler Jahre Stadtleben immer noch genügend nach Land, dass die sich ortsunabhängig wohlfühlen in meiner Nähe.

Ich entscheide mich gegen das Handy. Wo soll ich das auch hinstecken? Es sind nur ein paar Fahrradminuten, und was soll schon passieren? Ich denke kurz über diese Anwandlung zeitgenössischer Fürsorglichkeit nach. Und an Früher als Handys noch nicht erfunden waren und an etwas später, als im Wald kein Netz verfügbar war… Und auch jetzt ist hier immer noch nüscht los! In Berlin mache ich außerdem ständig Sachen, von dem meine Eltern keine Ahnung haben – wo und wie lange noch. All das zählt nicht in diesem Moment, wenn das Kind für ein paar Tage in die Heimat zurückkehrt. Und ich sehe schon die Mutter zu mir kommen, wenn sie diese Zeilen liest, ihre Hände übertrieben gespielt in die Hüften gestemmt, um mich nachträglich zu ermahnen, wie ich nur ohne Handy in den Wald fahren konnte!

Auf dem Weg dorhin male ich mir aus, was mir alles passieren könnte. Vielleicht geht in der Zwischenzeit die Welt unter. Laut aktueller Prognosen rückt das Ende immer näher. Also NOCH näher, also wirklich so richtig nah, bis es so nahe ist, dass es jeder Mensch sehen kann! Doch gibt es schlechtere Orte für das Ende der Welt als den Wald. Oder. Ich könnte hinfallen, im besten Fall nur eine Schürfwunde, aber vielleicht stürze ich auch ungünstig. Das wäre blöd. Oder, es wird mir irgendwas geklaut. Nur was? Das Handy liegt ja zu Hause. Wobei, gerade habe ich einen fetten Steinpilz am Wegesrand eingesammelt und auf dem Gepäckträger platziert, der nicht in das kleine Körbchen passt… Hoffentlich wird nicht das Fahrrad geklaut. Das gehört dem Vater und sicher wäre er traurig, wenn er das nicht wiedersieht. Oder? Verlaufen werde ich mich sicher nicht. Denn das ist der Wald meiner Kindheit. Es ist eigentlich der einzige Wald, mein Wald, unser Wald. DER Wald eben.

Ich fühle mich noch etwas getrieben von diffusen Gedanken. Und dann noch das schlechte Gewissen, ob des absichtlich und trotzdem unvermittelt handylosen Waldbesuchs, macht mich nervös. Da! Noch ein Steinpilz und einzelne Pfifferlinge, also Gelbschwämmel. Ich stakse weiter voran – durch weiches Moos, durch Gras und fruchtige Blaubeersträucher. Über verlorene Äste steige ich. Zwischen Nadellatschen, Riesenlatschen durchkreuze ich so manches Spinnennetz. Der Wind pfeift vor sich hin, während er durch die Baumwipfel fährt. Ich höre weitere Geräusche, und versuche mir vorzustellen, dass das alles Naturgeräusche sind. Auch wenn ich nicht immer zuordnen kann, was für ein Geräusch sich die Natur da ausgedacht hat. Von draußen klopfen manchmal menschengemachte Geräusche an, aber verhallen in Stille, bevor sie eindringen können. Ich starre auf den grünen Boden und denke, vielleicht sollte ich langsam umdrehen. Nur noch die alte Pilzstelle, wenigstens meine Runde abschließen. Und dort, in der alten Grube. Also, die, die als erstes da ist, in meiner Erinnerung von den Ausflügen „in die Pilze“… steht eine Pfifferlings-Großfamilie, die nur auf ihre Ernte wartet. Solche Glückspilze!


Und es spielt: