Fast 20 Jahre ist es her, dass ich meine Heimat verlassen habe – auf den Weg in die große Stadt Berlin, die mir inzwischen ebenso Heimat geworden ist. Das ging natürlich nicht von heute auf morgen. Berlin lädt zum -sich Verlaufen- ein, räumlich wie emotional, auch wenn es dafür viele Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Die Stadt war groß und anonym und ich brauchte lange, mich zurecht zu finden. Inzwischen habe ich hier „meinen Kiez“, meine Freunde, mein Leben aufgebaut, gefunden, nach wie vor in einem Alltag voller Überraschungen und Abzweigungen, aber hier fühle ich mich einfach wohl.

Und nach dem -Zuhause sein- in Berlin, und nach dem Rausch des -sich Findens und des eigenen Weg Findens- als ich etwas zur Ruhe kommen konnte, war da wieder mehr Platz. Auch Platz mich an die Wurzeln zu erinnern – wo ich herkomme und was mich immer noch mit der Gegend verbindet, in der ich groß geworden bin – dem kleinen Nest Horka, Tal der Ahnungslosen, an der polnischen Grenze im Zipfel Sachsens. Da ist meine Familie, das sind Freunde von früher, da gibt es viele Erinnerungen, wenn auch blasser werdend. So wollte ich neue Erinnerungen schaffen und das Früher mit dem Heute verbinden und es entstand die Idee ein großes Konzert zu organisieren, das in freundlicher Zusammenarbeit mit der örtlichen Kirchengemeinde zustande kam.

Foto: Hans-Peter Berwig

Sonntag vor einer Woche war nun der Moment gekommen. Ich stieg auf die kleine Holzbühne vor der Wehrmauer gemeinsam mit meinen musikalischen Begleitern aus Berlin. An einem sonnigen warmen Sommernachmittag. Und blickte in viele bekannte Gesichter. Schaute in neugierige, aufmerksame Augen. Hach.

Foto: Hans-Peter Berwig

Schon in der Pause kamen viele auf mich zu. Eigentlich war jede Begegnung wie eine eigene Geschichte. Da war zuerst mal der, der nur weit weg stand, halb verborgen an der Mauer und sich dennoch sofort offenbarte. Dann waren da zum Beispiel die Lehrer von früher. Meine Englischlehrerin, die sich gefreut hat über meine Aussprache des Englischen. Der immer noch lässige Musiklehrer, der mich beglückwünschte. Ein früherer Schwarm, der mich fest umarmte. Menschen, die ich nur vom Sehen kannte oder die ich erst auf den zweiten Blick wieder erkannte, die auf mich zukamen, sehr herzlich, so vertraut.

Ich habe ja schon mehrmals gesagt, dass genau solche Momente der Grund sind, genau das zu machen… Das berührt sein und berührt werden. Die Milde und Wärme des Lebens spüren, merken, dass wir abseits des Funktionieren müssens, Geldverdienen müssens, Stark sein müssens, so viel mehr zu geben haben.

Foto: Hans-Peter Berwig

Zwei Stunden Konzert wurden von der Kirchenglocke in der Wehranlage auf den Schlag abgeschlossen.

Ein überwältigendes Erlebnis, dass mir sicher noch länger nachgeht. Danke.