„Wohin mit meiner Wut“ war der Titel einer Fortbildung, an der ich vor vielen Jahren teilgenommen habe. Eine intensive, aufschlussreiche Fortbildung. Es ging darum, seine eigene Wut zunächst einmal wahrzunehmen und sich dann mit ihr auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich, dass sich damals das Gefühl der Wut vor allem gegen mich selbst richtete.

Und mir fällt eine Geschichte ein, die ich gelesen hatte, auch zu der Zeit. Das war eine Art Parabel, in der eine Frau wütend war, auf ihren Mann. Ich glaube, ihr Mann hatte sie verlassen. Sie ist dann einen großen Berg hinauf gewandert. Und kam zurück, ohne ihre Wut. Ich bin schon auf diversen Bergen gewesen und habe gelernt, Wut nicht mehr in mir wachsen zu lassen, sondern an den Stellen auszusprechen, wo sie hingehört. Situationen zu klären und mich zu zeigen, auch wenn ich dadurch anecke. Wenn ich das frühzeitig tue, muss ich nicht mal wütend werden. Es ist noch kein Berg vorhanden, sondern ich habe für mich gesorgt.

Wenn ich heute wütend werde, sind das in der Regel Situationen, in denen ich mich hilflos oder ungerecht behandelt fühle, aber nichts daran ändern kann. Zum Beispiel wenn mir eine Mitarbeiterin in der Hotline sagt, sie hält sich nur an ihre Vorgaben und könne nichts tun für mich. Wenn ich über einen oder mehrere achtlos auf den Gehsteig geworfenen E-Scooter stolpere. Wenn die Regierung zwar ambitionierte Klimaziele setzt, aber nichts konkret für den Klimaschutz tut. Auch wenn mir einer meiner Gesangsschüler berichtet, dass seine Nachbarn sich beschweren, wenn er die Stücke zu Hause übt, kann ich mich super stellvertretend für ihn darüber in Rage reden.

Da merke ich, wie lustvoll das auch ist und kraftvoll. Wenn die Situation, die ich nicht ändern kann, immer wieder eintritt, dann versuche ich mich zu fokussieren und einfach auszuatmen. Und nochmal ausatmen und nochmal. Denn über jede Kleinigkeit wütend sein, laugt auf Dauer aus, habe ich bemerkt. Mit meiner besten Freundin teilen wir uns auch manchmal die Wut. Wir werden Zeuge einer Situation, die uns beide gleichermaßen wütend macht. Und wenn sie sich aufregt, sage ich entlastet: „Gut, dass du dich aufregst, dann muss ich das nicht tun.“

Mir fallen auch Situationen auf, in denen andere wütend sind. Zum Beispiel saß ich eines Abends mit ein paar Freundinnen an der Straße. Wir waren alle mit unseren Handys beschäftigt. Da kam ein Fußgänger, blieb stehen: „Niemand redet mehr miteinander, alle glotzen nur noch auf ihre Handys. Ihr solltet mal wieder miteinander reden!“ Sowas empfinde ich auch als Form von Wut, denn er kannte uns ja gar nicht und war auch nicht bereit, wirklich mit uns ins Gespräch zu kommen. Er sah einfach eine Möglichkeit, um mal Dampf abzulassen. Diese universelle Wut ist auch gut zu beobachten in den Kommentarspalten der sozialen Medien. Da fällt mir auf, dass mich sowas wütend macht.

Aber dann bin ich wieder im Ying und Yang und merke, dass ich in letzter Zeit ganz schön wenig wütend bin. Auch jetzt, während ich diesen Text schreibe… Was mir noch auffällt – dass sich die Wut anderer nicht mehr so leicht auf mich überträgt. Auch weil ich mich früher und klarer abgrenze. Wenn ich zum Beispiel zurück an diesen Fußgänger denke, denke ich: Hm, die Person war ganz schön wütend. Vielleicht sollte die mal einen Berg hinauf wandern.


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